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Zwanzig von sechshundert

Zwanzig von sechshundert

Wir trafen uns öfter im Hof hinter dem Geraer Adventhaus, der ehemalige Gemeindeälteste Harry Sommer und ich. Er hatte dort seine Garage. Ich wohnte im Adventhaus und kümmerte mich um den Garten. Im Gottesdienst saß er die meiste Zeit oben auf der Empore neben seiner Frau, die Harmonium spielte. Von seinem Platz an der Brüstung aus konnte er alles gut unten im Saal übersehen. Seiner Aussprache merkte man immer an, dass er nicht aus Mitteldeutschland stammte. Er war 1926 in Lodz in Polen geboren worden. Seine Eltern schlossen sich, als er sechs Jahre alt war, den Siebenten-Tags-Adventisten an. Im jugendlichen Alter hatte er kein Interesse an der Gemeinde. Er ging seine eigenen Wege. Als 18jähriger wurde er eingezogen und nach der Grundausbildung auf die Offiziersschule nach Potsdam geschickt. Viele Einzelheiten erfuhr ich erst nach seinem Tod, als ich mich auf die Beerdigungsansprache vorbereitete. In diesem Zusammenhang wurde mir auch ein Brief von Harry Sommer zugänglich gemacht, den er am 6. März 1945 von der Front geschrieben hatte.

In diesem Brief standen u.a. folgende Zeilen: „Ich bin nun an der Front wo der Russe sich nun zur Zeit befindet wisst ihr wohl durch den Wehrmachtsbericht es sieht nicht grad rosig aus was ich alles in dem einen Monat erlebt und durchgemacht habe das hat vielleicht einer der 2 Jahre an der Front gewesen ist kaum erlebt. Das kann man ja kaum zu Papier bringen mir stehen noch jetzt die Haare zu Berge wenn ich daran denke bin nun jetzt in Ruhestellen wir werden neu aufgestellt und es geht dann wieder raus. Von 600 Mann von unserer Schule sind jetzt noch 20 übrig und ich habe das Glück auch bei zu sein! Liebe Gott hat seine schützende Hand über mich gehalten und ihm lege ich alles weitere in die Hände er wird mich bestimmt wieder rausbringen.“

„…Wir mußten uns bis an die Oder zurückziehen und wurden 5 mal eingekesselt und wenn wir aus dem Kessel raus waren da sahen wir ja, wie der Russe in den Dörfern gehaust hatte.“

Harry Sommer kam in Gefangenschaft. Einige Monate war er in Ausschwitz interniert. Nach seiner Entlassung am 1. September 1945 kehrte er nach Lodz zurück. Weil es für Deutsche inzwischen lebensgefährlich geworden war, sich in Polen aufzuhalten, versteckte er sich bei seiner Großmutter. Polnische Geschwister aus der Adventgemeinde besorgten ihm gefälschte Papiere, mit denen ihm die Flucht nach Deutschland gelang. Zum Glück konnte er gut polnisch sprechen.

Weil er gehört hatte, dass Verwandte in Annaberg-Buchholz gelandet waren, schlug er sich dorthin durch. Als er dort ankam, waren sie bereits weitergezogen – nach Gera – weil es in Annaberg nichts zu essen gab. So kam Harry Sommer nach Gera. In einem persönlichen Gespräch hat er mir einmal beschrieben, wie er am 11. Oktober 1945 in Debschwitz in der Südstraße bei seinen Verwandten ankam. Dort wurde er mit offenen Armen aufgenommen. Später bekam er ein Zimmer in der Darwinstraße. Weil er als technischer Zeichner in Gera keine Arbeit fand, machte er eine Ausbildung als Damen- und Herrenschneider in der Schneiderei Maul (1948-1951). Nach dem Krieg wollten viele schön sein.

Viele haben durch den Krieg ihren Glauben verloren. Harry Sommer nicht. Er hat ihn offenbar erst im Krieg gefunden. Sein Brief von der Front endet mit den Worten: „Und wenn ihr auf Gott vertraut, er wird euch helfen, Harry“.

In der Adventgemeinde Gera fand er nach dem Krieg Menschen, die ihn verstanden und schätzten. Am 29. September 1946 wurde er durch die Erwachsenentaufe vom Prediger Paul Paprotny getauft.

Nach der Beerdigung im Jahr 2012 sprach mich eine Glaubensschwester an, die noch nicht lang zur Adventgemeinde gehörte. Sie fand es traurig, dass offensichtlich kaum jemand zu Lebzeiten von Harry Sommer erfuhr, was er im Krieg erlebt hatte. Auch ich fand es schade, dass ich erst nach seinem Tod von dieser starken Erfahrung über seine Bewahrung gehört hatte.

Andreas Erben