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Lena und Lars

Die Geschichte von Lena und Lars

Unsere Familie ist groß und über die Welt verstreut. So gibt es auch einige Verwandte in den USA und Kanada. Auch wenn die Entfernungen groß sind, existieren gute Verbindungen. In regelmäßig unregelmäßigen Abständen werden Familientreffen veranstaltet, zu denen alle eingeladen sind. Nun war es wieder soweit. Es sollte ein Treffen in Kanada stattfinden und mein Schwiegervater wollte gerne dabei sein. Allerdings fliegt meine Schwiegermutter nicht gerne, so dass sie skeptisch war, ob sie teilnehmen sollten. Und so kam es, dass sie sich einigten zu fliegen unter der Bedingung, dass ihre beiden Enkeltöchter mitkämen und sie noch eine kleine Rundreise in den USA unternehmen würden. Gesagt, getan. Meine beiden Mädchen, Lena (12) und Laura (14), flogen also mit Oma und Opa in den Urlaub.

Sie waren aufgeregt und glücklich und packten ihre Sachen. Lena wollte gerne ihre Puppe mitnehmen. An dieser Stelle kamen wir Eltern ins Spiel. Eltern sind ja bekanntlich nicht so lieb wie die Großeltern. Wir sprachen mit ihr: „Lena, du bist jetzt 12 Jahre alt. Und du fliegst mit Oma und Opa weit weg. Drei Wochen seid ihr unterwegs. Und du hast nur einen Koffer. Und diese Puppe ist groß. Lass sie doch bitte hier.“

Jeder kann sich vorstellen: Sie war nicht glücklich – aber gewitzt. Sie schmuggelte ihre Puppe, ihren Lars, heimlich mit in den Koffer.

Vielleicht muss ich an dieser Stelle noch die Geschichte der Puppe erzählen. Als Lena ein Jahr alt wurde, bekam sie diese Puppe geschenkt. Es wurde ihre Lieblingspuppe. Als Lena mit gut zwei Jahren ihren kleinen Bruder Lars bekam, der am Tag nach seiner Geburt verstarb, bekam diese Puppe den Namen Lars. Es wurde ihr Lars, der überall mit hinging: in den Kindergarten, in die Gemeinde, sogar teilweise mit in die Schule. Lars war immer dabei und wurde geliebt!

Also flog Lars mit in die USA und war auch dort Lenas ständiger Begleiter. Am Ende der Reise saßen dann alle im Flughafen und warteten fröhlich auf den Rückflug – nur Lena war traurig. Als Opa sie fragte, was los ist, kam es ans Tageslicht: Sie hatte irgendwo ihren Lars verloren und wusste nicht mehr wo. So verlor Lena ihren Lars ein zweites Mal.

Drei Jahre später, 2013, hatten wir wieder eine Gelegenheit, in die USA zu fliegen. Allerdings dieses Mal ohne die beiden Mädchen. Nur mein jüngster Sohn, meine Frau und ich. Auch wir fuhren durch verschiedene Gebiete und schauten uns drei Wochen lang alles an. Wir besuchten auch die Familie, aber wir nahmen nicht die gleiche Route, wie meine Schwiegereltern drei Jahre zuvor. Nur zwei Übernachtungen buchten wir in den gleichen Hotels.

Nachdem wir ungefähr eine Woche unterwegs waren, kamen wir zu einem Motel am Fuß des Mount St. Helens. Ein kleines Motel mitten im Wald. Wir checkten ein und die Besitzerin fragte uns, wo wir herkommen und wie wir gerade auf ihr Motel gestoßen sind. Wir erzählten ihr, dass unsere Eltern und unsere Kinder vor drei Jahren hier übernachtet hatten und es angemessen und gut fanden. In diesem Moment erzählte meine Frau, dass auf der Reise damals unsere Tochter ihre Puppe verloren hat. Ich schaute sie nur fragend an und dachte: „Warum erzählst du das? Wie kommst du jetzt darauf?“

Aber die Motelbesitzerin reagierte schon und sagte nur: „Warten Sie kurz!“ und ging in ihr Büro. Nach einigen Sekunden kam sie wieder mit einer Puppe in der Hand und fragte: „Ist das ihre Puppe?“ Uns beiden fiel fast alles aus der Hand, als wir sie sahen. Meine Frau konnte nur noch sagen: „Ja, wo haben sie die denn her?“

Sie begann zu erzählen: „Ich habe damals die Zimmer gereinigt und diese Puppe gefunden. Und ich habe gesehen, sie ist ein geliebtes Kind. Deswegen habe ich sie aufbewahrt. Ich dachte, vielleicht holt sie jemand ab?“ Jetzt war es soweit. Nach drei Jahren kehrte Lars nach Hause zurück. Lena war überglücklich und liebte ihn genauso wie vorher. Heute darf er nicht mehr mit auf Reisen, damit so etwas nie wieder passiert. Und ich habe eine geniale – wahre – Geschichte für eine Predigt über den verlorenen Sohn!

Thilo Foth