lebens-weise

Ein wandernder Engel

Ein wandernder Engel


Es war etwa acht Wochen nach der Erwachsenentaufe meiner Mutter im Jahre 1948. Sie war damals fünfundzwanzig Jahre alt und zu Besuch bei ihrer Mutter und ihrer Schwester in Untergimpern im Rhein-Neckar-Kreis. An einem bestimmten Tag beschlossen sie, einen Spaziergang zum Forsthaus zu machen. Sie wollten aber nicht über die Felder gehen, da sie diesen Weg gut kannten. Sie kamen überein durch den Wald zu gehen, obwohl dieser Weg etwas weiter war. Nach einer Stunde sollten sie eigentlich schon längst am Ziel sein! Aber das Forsthaus war immer noch nicht in Sicht. Auch der Wald nahm einfach kein Ende.  Etwa zwei Stunden später mussten sie sich eingestehen, dass sie sich verlaufen hatten. Nach einer kleinen Rast wollten sie umkehren und den Heimweg antreten. Es war weit und breit keine Menschenseele zu sehen, obwohl der Weg hunderte von Metern einzusehen war, da er kerzengerade verlief! Sie fingen an zu weinen, da ihnen die Füße sehr weh taten. Meine Mutter und meine Oma hatten damals schon starke Venenleiden in den Beinen. Und jetzt sollten sie den ganzen langen Weg wieder zurücklaufen!

Als sie sich nun auf den Heimweg machen wollten, sahen sie auf einmal einen älteren Mann direkt auf sie zukommen. Da fragten sie ihn nach dem Forsthaus und sagten ihm, dass sie wieder zurückgehen wollten. Der Mann sagte zu ihnen: “Sie brauchen nicht umkehren! Gehen Sie diesen Weg noch ca. fünf Minuten weiter, dann ist der Wald zu Ende und sie sehen das Forsthaus ganz in der Nähe liegen!”

Dieser ältere Mann begleitete sie noch ein Stückchen und sie versuchten mit ihm in‘s Gespräch zu kommen, doch er antwortete ihnen immer nur einsilbig mit “ja” oder “nein”. Da stand mit einem Mal ein kleines Waldarbeiterhäuschen am Wegrand. Ihr Begleiter verabschiedete sich von ihnen und ging auf das Häuschen zu, ging am Häuschen vorbei und drum herum – und war von da an nicht mehr zu sehen! Meine Mutter hat ihm noch nachgeschaut, aber er war nirgendwo mehr zu sehen.

Plötzlich wurde meiner Mutter bewusst, dass ihr Begleiter nur ein von Gott gesandter Engel gewesen sein könne, gesandt in einem Augenblick großer Schmerzen und Verzweiflung.

In der Bibel finden sich etliche Begebenheiten, in denen Gott einen Engel gesandt hat, um eine Botschaft zu übermitteln oder einer Not abzuhelfen. So sagte Mose, der große Anführer Israels, z.B. zu den Edomitern: “Und wir schrien zu dem HERRN; der hat unsere Stimme gehört und einen Engel gesandt und uns aus Ägypten geführt.” (4. Mose 20:16) Der große Apostel Paulus fordert uns auf: “Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.” (Hebr. 13:2)

Gibt es Engel? Hat nun ein Engel meiner Oma und meiner Mutter den Weg aus ihrem Verirrt-sein im Wald gezeigt? Ob es wirklich ein Engel war, werden wir nie mit Sicherheit sagen können. Aber für meine Mutter war es definitiv ein Engel, gesandt von Gott, um sie von ihrer Verzweiflung zu befreien. Dieses Mut machende Erlebnis in ihren jungen Jahren hat das Gottesvertrauen meiner Mutter ihr Leben lang gestärkt.


Wolfgang Stammler