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"Brot des Lebens"

„Brot des Lebens“

Mein Elternhaus war durch den Glauben gespalten. Die Mutter war eine tiefgläubige Frau, der Vater ein harter Atheist. Wir beiden Jungs standen mal auf der einen, mal auf der anderen Seite.

Der Krieg hatte gerade begonnen, da wurde mein Vater eingezogen. Mein älterer Bruder folgte einige Jahre später. Im Januar 1945 bekam auch ich, Jahrgang 1928, noch eine Einberufung. Mit 16 Jahren kam ich an die Ostfront nach Polen und musste den furchtbaren Rückzug gen Westen miterleben. Danach ging es an die Westfront und wieder Rückmarsch, diesmal von Wertheim am Main bis nach Bad Aibling, wo es damals einen Fliegerhorst gab. Dort kam ich im Mai 1945 in amerikanische Gefangenschaft. Mein Vater war seid 1939 Soldat, mein Bruder seit 1941.

Als nun auch ich noch gehen musste, begleitete mich meine Mutter ein Stück des Weges. Beim Abschied drückte sie mir ein Büchlein in die Hand, ein „Neues Testament“. Ich wollte es nicht annehmen, doch ich wusste, wenn ich es abweise, werde ich ihr sehr weh tun. Das wollte ich nicht. Also nahm ich es mit. Ich habe in dem „Neuen Testament“ nicht gelesen. Ich habe es auch nicht behütet, aber es blieb mir treu und begleitete mich auf all den schlimmen Wegen.

In Gefangenschaft lagen wir Tag und Nacht unter freiem Himmel. Mein Fliegerrucksack, in dem ich Wäsche und einige Rindfleischbüchsen aufbewahrte, diente mir als Kopfkissen. Eines Nachts meinte ich, er sei verrutscht. Aber als ich ihn zurechtrücken wollte, war er nicht mehr da, gestohlen. Die Tasche neben mir, in der ich auch zwei Büchsen hatte, war offen. Die Büchsen waren weg, aber das „Brot des Lebens“ war noch drin. Und jetzt fing ich an, darin zu lesen. Ich besuchte die Lagergottesdienste. Nach meiner Entlassung suchte ich die Gemeinde. Schließlich kehrte ich nach Hause zurück, bekam Bibelunterricht, ließ mich taufen und ging 1948 nach Friedensau und wurde Prediger. Mein Vater sagte erbost: „Da willste wohl auch so ein Wanderprediger werden? Von mit bekommst du keinerlei Unterstützung!“

Das „Brot des Lebens“ prägte fortan mein Leben und später das Leben meiner Ehe und Familie. Ich durfte auch erfahren, wie dieses „Brot“ durch meine Verkündigung anderen zur Lebenshilfe wurde. Selbst meinem Vater, der inzwischen Parteigenosse der SED geworden war, wurde die Bibel noch zum Lebensbrot. Ich durfte ihn 1977 in Dresden taufen. Nun bin ich 92 Jahre alt und noch immer gehört zum täglichen Brot auch das „Brot des Lebens“.

Ich hoffe einmal zu meiner Mutter sagen zu können: „Danke, Mama, dass Du mir damals beim Abschied das „Neue Testament“ mitgegeben hast. Es ist mir zum „Brot des Lebens“ geworden.“ 

Lothar Reiche