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Bewahrung trotz Wundstarrkrampf und Granatenbeschuss

Bewahrung trotz Wundstarrkrampf und Granatenbeschuss


„Ach Mutti, war das schön in Leipzig bei Oma und Opa". Ganz begeistert kommt unser Sohn Michael nach Hause. „Nun, was war denn das Schönste, was ihr gemeinsam unternommen habt?" frage ich ihn, „Opa und ich haben Klingelputzen gemacht, aber der Oma haben wir es nicht erzählt." So war mein Vater. Ab und zu mit seinen Enkeln einen kleinen Spaß machen, dies zeigte seinen Humor und seine Freude am Leben. In seinem Vertrauen zu Gott war er mir ein großes Vorbild, still und freudig ging er seinen Weg mit Gott.

Als im September 1909 in Leipzig der kleine Gerhard, mein Vater, geboren wurde, war die Freude bei Familie Franz sehr groß. Meine Oma war eine liebevolle und eher nachgiebige Frau, mein Opa hingegen war sehr streng. Nach dem Ende des ersten Weltkriegs kam Opa Franz 1918 wohlbehalten nach Hause und nahm seine Arbeit wieder auf. Inzwischen war meine Oma Mitglied der Adventgemeinde Leipzig geworden. Ihr Mann beschäftigte sich nun auch intensiver mit Gottes Wort und entschied sich ebenfalls, zur Adventgemeinde zu gehören.

Nach der Schulzeit wollte Gerhard gern im Holzgewerbe eine Lehre anfangen, aber es war keine Stelle zu finden. Ein Buchbinder hätte ihn auf der Stelle genommen, aber als dieser hörte, dass mein Vater am Sabbat (dem biblischen Ruhetag) nicht arbeiten wollte, konnte Gerhard sofort wieder gehen. Mein Vater hatte die Entscheidung getroffen, Gott gehorsam zu sein und nicht am Sabbat zu arbeiten. Mein Vater fand anschließend eine Lehrstelle bei einem evangelischen Buchhändler. Weil Vater dem Mann sympathisch erschien und dieser ebenfalls ein Christ war, blieb er dort noch 3 Jahre als Gehilfe. Leider war mein Vater dann doch sieben Jahre arbeitslos. Schon in seinen jungen Jahren hieß es für ihn, Gott treu zu sein. Gerhard hat oft erlebt, wie Gott ihm immer wieder geholfen hatte.

In dieser Zeit wurde mein Vater schwer krank. Er hatte im Garten gearbeitet und wahrscheinlich einer Wunde keine Beachtung geschenkt. Er bekam Wundstarrkrampf (Tetanus). Dies ist eine sehr schwere Krankheit, die damals meistens zum Tode führte. Zunächst äußert sich Tetanus mit Kopfschmerzen, Mattigkeit, Frösteln und Schweißausbrüchen. Danach verkrampfen sich die Kaumuskeln und die Muskulatur um den Mund. Im weiteren Verlauf greift die Starre auf Nacken und Rumpf über. Die Krämpfe können auch in der Atemmuskulatur auftreten und es kommt zum Erstickungstod. Es ist also eine sehr schwere Krankheit. Doch mein Vater durfte ein großes Wunder erleben. Seine Eltern und die ganze Adventgemeinde Leipzig beteten für den damals 23jährigen Mann. Unser großer Gott erhörte die vielen Gebete. Der junge Mann wurde wieder gesund. Selbst der behandelnde Professor staunte: "Von einhundert Menschen, die an Wundstarrkrampf erkranken, wird nur ein Mensch gesund.“ Diese unwahrscheinliche Gebetserhörung hat mein Vater nie wieder vergessen. Immer wieder ermutigte er zu Lob und Dank.

Nach sieben Jahren Arbeitslosigkeit bekam mein Vater endlich wieder Arbeit, er wurde bei der Leipziger Straßenbahn angestellt. Zunächst war er als Schaffner tätig, später als Fahrer. Während dieser Zeit heiratete er seine geliebte Ilse. Als am 1. September 1939 der zweite Weltkrieg ausbrach, wurde mein Vater sofort zum Kriegsdienst eingezogen. Gerhard kam zu einer Sanitätskompanie. Zu dieser Kompanie gehörten ebenfalls zwei Mitglieder der Adventgemeinde Leipzig. Einer war in der Schreibstube, einer betreute die Offiziere und mein Vater war auf der Zahnstation. Sechs Jahre durften die drei Männer Gottes Schutz und seine Bewahrung erfahren. In Ängsten und Gefahren hat unser himmlischer Vater sie liebevoll beschützt und ihnen in mancher Notsituation geholfen.

In Russland erlebte mein Vater eine wunderbare Bewahrung. Die Zahnstation, wo Gerhard beschäftigt war, befand sich in Pawlowsk in der Nähe von Leningrad, dem heutigen St.Petersburg. Sie waren in einem schönen Schloss untergebracht. Eines Tages ging er für einen kurzen Moment vor die Tür, um frische Luft einzuatmen. Vielleicht hat er in diesem Moment auch an seine Lieben daheim gedacht. Nach einer Weile ging er wieder in das Gebäude zurück. Kurz nachdem er im Haus war, schlug genau an diese Stelle, wo er gestanden hatte, eine Granate ein. Gott bewahrte auch hier meinen Vater wunderbar.

Beim Rückzug der deutschen Truppen an der Westfront betreute mein Vater in Luxemburg eine kleine Zahnstation. Er brauchte einige Medikamente, die sich in einer Apotheke bei der Kompanie in der Eifel befanden. Gerhard wollte mit dem militärischen Sanitätswagen in die Eifel fahren, jedoch gab ihm der Feldwebel den Befehl: "Gefreiter Franz, sie fahren nicht mit, sondern ich fahre in die Eifel!" Am Nachmittag erfuhren die Soldaten, dass der Feldwebel tot sei. Ein Geschoß hatte den Wagen getroffen. Immer wieder konnte mein Vater erleben, wie Gott ihn beschützte. Dabei dachte er oft an Psalm 139, 5 " Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir."

Endlich war der Krieg zu Ende. Aber es gab noch kein Ende der Schrecken und Gefahren. Gerhard und seine beiden Kriegskameraden aus der Adventgemeinde Leipzig befanden sich auf dem Heimweg. Sie starteten in Luxemburg und kamen mit ihren Fahrrädern bis kurz vor Trier. Viele Soldaten wurden dort erwischt und in die Kriegsgefangenschaft geführt. Nun beratschlagten sich die drei Männer und überlegten, ob sie um Trier herum oder mitten hindurch fahren sollten. Sie waren sehr unschlüssig. Aber auch hier ließ Gott sie nicht im Stich. Es trat plötzlich ein Mann auf sie zu und sagte: "Ihr wollt doch nicht in die Gefangenschaft, deshalb fahrt mitten durch Trier hindurch." Eigentlich erschien dieser Ratschlag unsinnig, aber sie gehorchten. So wurden sie bewahrt und kamen wohlbehalten in Leipzig an. Ob es ein Engel war, den Gott vor die Tore von Trier geschickt hatte?

Zu Hause angekommen, war die Freude bei seinen Lieben sehr groß. Gerhard bekam wieder Arbeit bei der Straßenbahn. Die Leipziger Straßenbahn beschäftigt viele Menschen im Schichtdienst. Mein Vater allerdings nahm eine Ausnahmestellung ein. Der Vorgesetzte erlaubte Gerhard sich seinen Dienstplan selbst zu erstellen. So arbeitete er oft freiwillig am Sonntag, konnte aber am Sabbat zum Gottesdienst gehen.

1974 wurde meine Mutter schwer krank. Mein Vater hatte sie mit viel Liebe viele Jahre bis zu ihrem Tod gepflegt. Auch hier ist mein Vater ein Vorbild an Liebe und Treue, Opferbereitschaft und Hingabe.

Als Vater noch einmal unter Gebet eine neue Ehe einging, hielt Gott wieder eine große Aufgabe für ihn parat. Der einzige Sohn seiner zweiten Frau saß in Brandenburg im Gefängnis. Mein Vater nahm nun zu ihm Kontakt auf. Er schickte Briefe und Päckchen. Als der Sohn später aus der Haft entlassen wurde, kümmerte sich mein Vater sehr um ihn. Die Freude war bei uns allen sehr groß, als der Mann in der Adventgemeinde Leipzig getauft wurde. Leider verstarb er vor einigen Jahren - ein Jahr nach Vaters Tod.

Immer wieder hatte mein Vater Gott gelobt und gepriesen und ihm gedankt in aller Demut und Bescheidenheit. Das war sein Lebensmotto.

Heidi Plietz