Andachten

Andacht

Andacht 01.02.2023

01. Februar 2023 | Günter Schlicke

Andacht 01.02.2023

Bildnachweis: Gerd Schmid

Glücklich sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren.

Als der Dichter Rainer Maria Rilke in Paris lebte, ging er jeden Tag mit einer jungen Französin an einem Platz vorbei, auf dem eine Bettlerin saß. Sie streckte ihre Hand aus und erhoffte eine Geldspende. Dabei sah sie niemanden an und bedankte sich auch nicht. Seine Begleiterin gab häufig ein Geldstück, während Rilke das nie machte. Er überlegte jedoch, wie er der Bettlerin eine Freude bereiten konnte. Eines Tages legte er in ihre offene abgezehrte Hand eine blühende weiße Rose. Die Frau blickte sofort zu ihm auf, erhob sich mühsam, tastete nach seiner Hand und küsste sie. Dann ging sie davon. Eine Woche lang war sie verschwunden. Dann saß sie wieder an ihrem gewohnten Platz. „Wovon hat sie in dieser Zeit gelebt?“, fragte Rilkes Begleiterin. „Von der Rose, die ein Geschenk des Herzens war.“ (Nach „Eine Rose für die Liebe“ von Bernhard Matzel) Jesus nannte in seiner Bergpredigt die Menschen glücklich, die barmherzig sind. Er heilte Lahme, Blinde, Stumme, Verkrüppelte und sogar Aussätzige. Solchen, denen ihre Schuld wie ein schwerer Stein auf der Brust lag, sprach er Vergebung zu, und von drei Personen wird sogar berichtet, dass er sie vom Tod zum Leben erweckte. Wir können zwar in der Regel keine Wunder wie Jesus vollbringen, aber zum Barmherzigsein gibt es jeden Tag Gelegenheiten. Da sitzt vielleicht ein Bettler vor der Einkaufshalle und hält einen Hut hin. Jetzt müssen wir entscheiden, ob wir in die andere Richtung blicken und wortlos den Laden betreten oder ihm helfen. Ich selbst gebe niemals Geld, dafür aber frage ich, ob er schon gegessen hat. Wenn nicht, gehen wir zur Bäckerei oder in eine Imbissbude und dort bezahle ich Essen und Trinken. Das kostet mich wesentlich mehr, als ein oder zwei Euro in den Hut zu werfen, aber oft ergibt sich ein gutes Gespräch und ich erfahre etwas von seinem Schicksal. Sehen wir den anderen und helfen? Jesus nennt diejenigen glücklich, die barmherzig sind, und verheißt ihnen Barmherzigkeit. Wir alle leben, weil Jesus unsere Not gesehen und darauf reagiert hat. Wollen wir nicht auch täglich Barmherzigkeit weitergeben?

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