Andachten

Andacht

Andacht 19. Juni 2022

19. Juni 2022 | Sylvia Renz

Andacht 19. Juni 2022

Bildnachweis: Gerd Schmid

Aber Josef erwiderte: „Habt keine Angst! Ich maße mir doch nicht an, euch an Gottes Stelle zu richten! Ihr wolltet mir Böses tun, aber Gott hat Gutes daraus entstehen lassen. … Ihr braucht also nichts zu befürchten. Ich werde für euch und eure Familien sorgen.“

Jakobs Söhne verkauften ihren 17-jährigen Bruder Josef an Sklavenhändler, weil sie ihn los sein wollten. Selbstvorwürfe und Schuldgefühle ließen ihnen seither keine Ruhe. 22 Jahre später begegnet ihnen der totgeglaubte Bruder als „Kanzler“ im Land Ägypten und stellt sie auf die Probe. Sind sie immer noch von Neid und Missgunst zerfressen? Oder bilden sie inzwischen eine feste, unverbrüchliche Gemeinschaft, in der einer für den anderen einsteht? Die Brüder bestehen diese Prüfung, und Josef gibt sich zu erkennen. Zuerst sind sie starr vor Angst und fürchten seine Rache. Aber er beruhigt sie. Er wartet nicht ab, bis sie sich vor ihm demütigen und ausdrücklich um Verzeihung bitten. Er versichert ihnen, dass er ihnen vergeben und nur Gutes für sie im Sinn hat. Josef holt seine ganze Sippe nach Ägypten und siedelt sie in einer blühenden Gegend an. In den folgenden 17 Jahren stoßen die Brüder ständig auf die greifbaren Beweise seiner Fürsorge. Aber vertrauen sie ihm inzwischen? Als Jakob stirbt, senden sie einen Boten zu Josef: „Unser Vater lässt dir ausrichten, du sollst uns bitte verzeihen.“ Das trifft Josef ins Herz. Was hätte er denn noch unternehmen können, damit die Brüder endlich, endlich aufhören, seine Rache zu fürchten? Wieso haben sie seine Vergebung immer noch nicht angenommen? Er hat längst damit aufgehört, sich wegen ihrer Boshaftigkeit zu grämen. Denn er weiß, er würde sich selbst zum Gefangenen der Untat machen und das Böse damit zementieren. Er nennt einen seiner Söhne Manasse („Vergessling“) – das zeigt, dass er die Gedanken an das erlittene Unrecht losgelassen hat. Aber die Brüder quälen sich immer noch damit herum ... Warum fällt es uns oft leichter, unseren Mitmenschen zu vergeben als uns selbst? Wie muss sich unser liebevoller Vater im Himmel verletzt fühlen, wenn wir an seiner Vergebung zweifeln und uns unaufhörlich selber martern in der Erinnerung an Peinlichkeiten und Versagen? Er ruft uns zu: „Weg damit! Ich habe dir vergeben! Lass einfach los!“

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